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Laura Freudenthaler

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Laura Freudenthaler est née en 1974 à Salzburg. Elle a étudié l’allemand, la critique littéraire, la philosophie et les études de genre. Elle réside actuellement à Vienne. Son livre Der Schädel von Madelein a été publié en 2014. Pour son roman Die Königin schweigt, elle a reçu le prix du Förderpreis zum Bremer Literaturpreis 2018, qui fut également présenté au Festival du Premier Roman 2018 à Chambéry en tant que meilleur premier roman de langue allemande. Son second roman Geistergeschichte sera publié dans le courant de l’année 2019.

Winning Book

Geistergeschichte (Histoire de fantôme)

Et si un vide s’ouvrait soudainement dans votre vie ? Telle est la question que Laura Freudenthaler explore dans son second roman Histoire de fantôme. L'année sabbatique qu’Anne souhaitait passer à apprendre à jouer du piano et à écrire des livres, est chamboulée. L’un après l’autre, Anne abandonne ses habitudes et ses loisirs. De jour, elle erre les rues. De nuit, elle écrit ses observations dans un carnet. Son appartement, qu’elle partage avec Thomas depuis 20 ans, paraît de plus en plus inconfortable, notamment parce que Thomas semble y être de moins en moins présent. Elle soupçonnait depuis longtemps qu’il la trompait. Et la femme, qu’Anne appelle dorénavant la maîtresse, apparaît comme un fantôme fugace qui chuchote. Il y a désormais des bruits et des apparitions qui deviennent de plus en plus difficiles à identifier pour Anne.

Geistergeschichte Cover

Publishing House

Address: 

Stenggstraße 33, Graz, Autriche

Phone No.: 
0043/316/326 404
Organisation: 
Annette Knoch, Literaturverlag Droschl

Agent / Rights Director

Phone No.: 
0043/316/326 404
Representative: 
Annette Knoch

Excerpt

Anne schließt die Wohnungstür von innen, sie legt die Handtasche auf den Hocker, schaut auf das Telefon und steckt es zurück in das Seitenfach. An das Huschen aus den Augenwinkeln hat sie sich gewöhnt, manchmal erschrickt sie trotzdem, wenn in dem Moment, da sie den Mantel aufhängt, etwas durch die offene Tür ins Wohnzimmer verschwindet. Oder wenn sie sich umwendet und ihr ist, als sei die Tür zu Thomas’ Zimmer eben noch offen gewesen und eilig geschlossen worden. Die Tür zu Thomas’ Zimmer steht aber schon lange nicht mehr offen. In der Küche wäscht Anne das wenige Geschirr ab, das noch benutzt wird, als sie ein Scharren von Holz vernimmt. Sie dreht das Wasser ab, hält den Teller in den nassen Händen, schaut dann hinter sich. Sie weiß nicht, wie die Sessel noch vor einem Moment um den Tisch gestanden sind. Im Wohnzimmer fällt ihr Blick ohne Absicht auf die untere Regalreihe, wo die Schachteln mit den Fotos stehen. Eine Schachtel ragt über den Regalboden hinaus. Anne geht hin und rückt sie mit dem Fuß zurecht oder auch nicht. Immer öfter lässt sie die Dinge, wie sie sind. Meist weiß sie nicht mit Bestimmtheit zu sagen, wie sie vorher waren. Neben dem Kanapee liegt eine Zeitschrift auf dem Boden. Regelmäßig muss Anne sich wundern, dass sie die Zahnbürste nicht in den Becher am Waschbecken gestellt, sondern daneben auf die Waschmaschine gelegt hat, oder auf den Badewannenrand, ein anderes Mal neben die Abwasch in der Küche. Wenn sie schon in ihrem Zimmer im Bett liegt und gehört hat, wie Thomas in die Wohnung gekommen ist, wenn er im Bad war und es in seinem Zimmer still ist, steht Anne noch einmal auf, um aufs Klo zu gehen und in der Küche ein Glas Wasser zu trinken. Im Vorzimmer denkt Anne daran, dass die Taschen von Thomas’ Mantel und Jacke und auch von den Sakkos, die er in der Garderobe aufhängt, geleert werden müssen. Thomas selbst tut das nicht, er wirft keinen Kassazettel weg, auch wenn darauf nur eine Packung Hustenzuckerl verrechnet ist. Anne hat manchmal versucht, ihn nach dem Verlassen eines Geschäfts oder eines Restaurants dazu zu bringen, den Beleg in den nächsten Mistkübel zu werfen. Thomas ging auf das Spiel ein, doch wenn er die Hand mit der Rechnung über den Mistkübel hielt, konnte er nicht weiter und Anne sah sein zorniges Gesicht, ehe er sich abwandte, die Hand mit der Rechnung in die Tasche steckte und mit großen Schritten vorausging. Irgendwann wurde er langsamer, blieb schließlich stehen und wartete auf Anne. Mittlerweile bekommt man für jede Kleinigkeit Belege, und Thomas’ Taschen sind immer schneller voll damit. Einmal in der Woche leert Anne die Taschen des Mantels, der Jacke und der Sakkos und geht mit zwei Händen voller Rechnungen, verschiedenfarbiger Notizzettel und Zuckerlpapiere in die Küche. Dort breitet sie alles auf den Tisch und sortiert es in drei Häufchen. Rechts die Notizzettel, auf denen bereits vergangene Termine festgehalten sind, dazu die Zuckerlpapiere sowie die unwichtigen Rechnungen. In die Mitte legt Anne die Restaurantrechnungen und links die Notizzettel, die noch wichtig sind oder die sie nicht zuordnen kann. Den Haufen mit den Zuckerlpapieren wirft Anne in den Müll, die übrigen Notizzettel steckt sie zurück in Thomas’ Manteltasche. Die Rechnungen in der Mitte nimmt Anne mit in ihr Zimmer. Noch einmal geht sie ins Vorzimmer und holt aus ihrer Handtasche das Notizheft. Wenn das Mädchen abends in der Nähe von Thomas’ Büro auf ihn wartet oder er es abholt, fragt Thomas das Mädchen, ob es schon gegessen habe. Natürlich nicht, lacht das Mädchen und Thomas sagt: Dann wollen wir dich einmal füttern. Anne sortiert die Belege zunächst nach Datum. Am Montag vor einer Woche hat sie zuletzt Buch geführt. Es gibt Belege, die mittags oder nachmittags ausgestellt wurden, oftmals in der Umgebung von Thomas’ Büro. Es gibt Belege, die mehrere Kaffees, Mineralwasser, Tee, ein kleines Bier auflisten, das sind die Nachmittage, an denen Thomas in einem Lokal mehrere Besprechungen hintereinander abhält. Es gibt Belege über zwei Kaffees und immer wieder Rechnungen von einem Teehaus über zwei Kannen Jasmintee, von denen Anne nicht weiß, ob sie allein oder zu zweit getrunken wurden. Unter den Abendessen ist meist ein berufliches, an dem mehrere Personen teilgenommen haben. Diese Rechnungen steckt Anne später, ebenso wie die langen Nachmittage, zurück in Thomas’ Tasche, damit er sie von der Steuer absetzen oder weiterverrechnen kann. Die Abendessen mit dem Mädchen überträgt Anne in ihr Heft. Wenn sie tief in der Nacht die Woche aufgearbeitet hat, verlässt Anne noch einmal ihr Zimmer, steckt die Geschäftsrechnungen zu den Notizzetteln in die Manteltasche und wirft den Rest zum Altpapier.

 

Das Mädchen flattert, es ist ein Vögelchen, mit zarten Flügeln und feinen Federn, ein wenig Flaum hat es noch aus Kindertagen, am Haaransatz, und weiche, leuchtende Wangen. An der unerschöpflichen Lebendigkeit des Mädchens kann man sich unmöglich sattsehen. Thomas ist sehr besorgt um das körperliche Wohl des Mädchens, das den ganzen Tag nur winzige Bissen von etwas isst, ein halbes Käsebrot, einen Becher weißes Joghurt, einen Apfel der Sorte Kronprinz Rudolf, das sind die kleinsten. Abends wird es lachend antworten: Natürlich nicht, wenn Thomas fragt, ob es schon gegessen habe. Das Mädchen freut sich, wenn Thomas es dann eilig hat, ihm etwas zu essen zu beschaffen. Es mag diese Dringlichkeit zu Beginn ihrer Treffen und die Nervosität, die von der Aufregung, ihn zu sehen, ausgelöst wird. Das Mädchen will Thomas nicht in sattem Zustand treffen, es fürchtet das Ausbleiben der Aufregung, die vielleicht nur auf nüchternen Magen möglich ist. Es muss sich zusammennehmen, um nicht zu flattern, mit Händen und Armen und Atem, und lacht und scherzt in einem Schwall, von dem Thomas sich überfordert zeigt. Er könne dem Mädchen nicht folgen, es bringe ihn ganz durcheinander, sagt er, aber das Mädchen weiß, Thomas wird unter ihrem Übermut lebendig, bis schließlich, nach dem Essen, das Mädchen ruhiger wird, ein wenig erschöpft. Doch dann hat Thomas sich bereits aus seiner Müdigkeit gelöst und plaudert und besieht das vom Essen warme Mädchen, das manchmal am Ende eines Lachens seufzt. Zwei Reiter, die nach einem Stück Weg, auf dem einmal der eine voraus war, dann der andere sein Pferd hat laufen lassen, endlich mit lockeren Zügeln nebeneinander her reiten, ins Gespräch vertieft. Und du bist früher wirklich oft geritten, fragt Thomas. Das Mädchen macht ein Gesicht, das Unmut ausdrückt. Erzähl, sagt Thomas. Manchmal, sagt das Mädchen, kommt mir vor, du möchtest mich jünger haben als ich bin. Du weißt noch gar nicht, sagt Thomas, wie jung du jetzt bist. Das Mädchen schaut auf die Serviette, die es an den Rand des Tisches schiebt. Lass uns zum Abschluss des Abends einen süßen Wein trinken, sagt Thomas, auf die Jugend. Anne wundert sich über den Dessertwein auf der Rechnung. Das Mädchen wird davon beschwipst. Komm, ich fahr dich nachhause, hat Thomas gesagt, ich bringe dich noch ins Bett. Wenn Thomas den Abend mit dem Mädchen verbringt, kommt er für gewöhnlich erst nach Mitternacht in die Wohnung zurück. Das Mädchen ist eingeschlafen, noch bevor er es verlassen hat, es hat einen guten Schlaf, um den Thomas es beneidet. Er hat sich angezogen, ist ins Bad gegangen und hat sich das Gesicht gewaschen. Mit nassen Händen hat er seine Haare geordnet und sich mit dem Handtuch des Mädchens abgetrocknet. In dem kleinen, engen Bad ist Thomas, als er sich umdrehte, gegen die Duschkabine gestoßen, Lärm von Plastik und Metall. Er hat ein Fluchwort ausgestoßen und gewartet, ob sich etwas rührt. Thomas weiß, wie er die Tür des Mädchens ohne ein Geräusch von außen zuzieht. Er weiß auch, wie er die eigene Wohnungstür möglichst leise öffnen kann. Anne wacht trotzdem auf. Sie hört den Schlüssel im Schloss. Es hilft nichts, dass er die Wohnungstür versperrt, das Mädchen ist längst hier. Anne hört zu, wie Thomas ins Badezimmer geht und aufs Klo, wie er dann die Tür zu seinem Zimmer schließt und sich von innen noch einmal dagegen lehnt. Schritte und Stille und noch einmal Schritte. Er schaut in seinen Computer und noch einmal auf sein Telefon. Er weiß nicht, dass das Mädchen bereits daraus entstiegen ist und den Weg zurück nicht mehr findet. Er weiß nicht viel, denkt Anne, und, während sie wieder einschläft, dass sie einmal mit Thomas über das Mädchen sprechen sollte.

 

Am Rippenbogen entlang tastet Anne nach hinten, bis sie knapp an der Wirbelsäule die Verhärtung spürt, die sie vor ein oder zwei Wochen zufällig entdeckt hat. Sie kann nicht ausmachen, ob das Kügelchen im Fleisch wuchert oder aus der Haut herauswächst. Anne sitzt am Rand der Badewanne, einen Arm um ihren Oberkörper gelegt. Sie hört jemanden durch die Wohnung gehen und spürt die Luft kühl auf der nackten Haut, als sie aus dem Bad ins Vorzimmer tritt. Kannst du dir etwas anschauen? sagt Anne auf der Schwelle zur Küche. Thomas stellt das Wasserglas ab, aus dem er getrunken hat. Setz dich, sagt er und macht einen Schritt zum Tisch hin. Anne hat die Arme vor der Brust gekreuzt und die Hände auf die Schultern gelegt. Es ist nichts, will sie sagen, bestimmt nichts, aber sie folgt seiner Bewegung und setzt sich. Thomas steht hinter ihr. Du musst mir schon die Stelle zeigen, sagt er. Anne schiebt das Unterleibchen hinauf und tastet. Hier. Thomas’ Finger rückt ihren zur Seite und streicht über die Verhärtung, einmal von oben nach unten und einmal von unten nach oben, dann drückt er leicht. Das ist nichts, sagt er und zieht das Unterleibchen über Annes Rücken hinunter. Man sieht den Eiter, in ein paar Tagen kannst du das aufmachen. Anne streckt ihre Hand nach hinten, um die Stelle zu bedecken, und dreht sich herum. Thomas tritt von ihr weg und greift nach seinem Glas, er nickt beruhigend. Anne schüttelt den Kopf. Sie verlässt die Küche, sie läuft ins Bad, durchquert den kleinen Raum, bis sie ansteht, vor dem schmalen, hohen Fenster. Dreht sich herum und lehnt sich an, der Heizkörper an ihren Beinen. Anne geht in die Hocke, rutscht am Heizkörper nach unten. An ihrem Rücken das warme Metall. Die Bodenfliesen sind weiß mit dunkelblau geschrägten Ecken. Im Staub erkennt Anne kleine Fußabdrücke. Das Mädchen ist vor den Spiegel gehuscht und hat sich darin angesehen. Anne stellt sich dorthin, wo das Mädchen gestanden ist. Sie betrachtet ihren Haaransatz, die Lider, die Lippen. Die Haut am Hals und in der Vertiefung zwischen den Schlüsselbeinen. Die Oberarme. Unter den Achseln und im Dekolleté ist das Leibchen weit ausgeschnitten, der Stoff ausgeleiert. Auf der Höhe der Achseln verdickt sich das Gewebe zu Wölbungen und sinkt darunter ab. Die Brüste sind klein und doch zu schwer. Der dünn gewordene Stoff des Leibchens liegt am Bauch auf. Als Anne zurückkommt, sitzt Thomas am Tisch. Er hat sein Telefon vor sich liegen und tippt darauf herum. Thomas, sagt Anne. Er macht eine Bewegung, der Bildschirm verdunkelt sich, dann blickt er auf. Sie steht im Türrahmen und weiß, was er sieht. Auch er beginnt beim Gesicht. Hinunter über den Hals, die Schlüsselbeine, die Schultern. Die Oberarme, die Achseln, das zu Wölbungen verdickte Gewebe. Das Leibchen bedeckt die Brüste und den Bauch. Weiter reicht der Badezimmerspiegel nicht. Anne dreht sich um und geht in ihr Zimmer, sie will endlich schlafen. An der Grenze zum Traum bereits hört sie Thomas die Wohnung verlassen.